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Historikerstreit - Geschichtsrevisionismus Gegen die „Entsorgung der deutschen Vergangenheit“ 1 Einleitung: nationale Historiker 2 Ernst Noltes Revision: kausaler Nexus und logisches Prius 2.1 Was kam zuerst? 2.1.1 Der „kausale Nexus“ 2.1.2 Hitlers „wirkliche Bedrohung“ durch die Juden 2.2 Der missbrauchte Vergleich oder Was ist das Singuläre? 2.2.1 Wurde die Bourgeoisie „ausgerottet“? 2.2.2 Wurden die Kulaken „ausgerottet“? 2.2.3 Die Hungersnot 2.2.4 Trotzdem vergleichen? 3 Weitere Aspekte 3.1 Nolte, Hildebrand: Kriegsschuld 3.2 Andreas Hillgruber: Bollwerk gegen den Bolschewismus oder die Identifizierung des Historikers 3.3 Stürmer/Hildebrand/Hillgruber: Mittellage und Geopolitik 4 Schlussbemerkungen 5 Literatur 1 Einleitung: nationale HistorikerIn der „Zeit“ vom 11. Juli 1986 veröffentlichte Jürgen Habermas einen Artikel unter der Überschrift „Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“. Dieser gilt allgemein als der Anfang des sogenannten „Historikerstreits“, einer politisch-historischen Debatte in historischen Fachzeitschriften und dem Feuilleton großer Zeitungen um Fragen des (Miss-)Verständnisses der Zeit des Nationalsozialismus und um seine Bewertung aus der Perspektive des „Jetzt“, der Zeit ca. 40 Jahre nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ und die daraus resultierende Bedeutung für die „Deutschen“ und das bundesrepublikanische Staatsverständnis. Und das war auch das eigentliche Thema der Debatte, die fachlich keine großen Impulse lieferte. Wie der Titel des Habermas-Artikels andeutet, ist selbiger aber ganz und gar nicht der Ausgangspunkt der Kontroverse, denn den Anlass lieferten Veröffentlichungen deutscher Historiker, die eines eint: der Versuch der Revision der jüngeren deutschen Geschichtsschreibung mit dem offenkundigen Ziel der Relativierung der von Deutschen begangenen Verbrechen. Im Verlauf der Debatte wurden die Revisionisten Ernst Nolte, Andreas Hillgruber, Michael Stürmer, Klaus Hildebrand u.a. eindeutig in die Defensive gedrängt. Sich heute mit diesem Thema zu beschäftigen, scheint mir aus drei Gründen von großer Wichtigkeit. Zum ersten, dem politischen: Es ging im Historikerstreit (auch) um nationale deutsche Identität, um „Geschichtsbewusstsein“, um den Versuch der Beschwörung des nationalen Konsens in Deutschland und um die Entsorgung der dazu nicht passenden Vergangenheit. Heute ist Deutschland wieder vereinigt, wieder eine europäische Großmacht, die wieder Krieg führt, auch wenn der äußerst dünne Menschenrechtsmantel das Unrecht mühsam zu umhüllen versucht. Deutschland hat das Recht auf Asyl, ein Resultat aus den Erfahrungen der Zeit des Nationalsozialismus, faktisch abgeschafft, offen rechtsextreme Parteien ziehen mit zweistelligen Wahlergebnissen in Landesparlamente (die DVU in Sachsen-Anhalt 1998). Die versammelte Elite dieses Landes spendet stehende Ovationen, während Martin Walser die Vergangenheit und das Beschäftigen mit ihr ins „Private“ entsorgt und mit einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr seine narzisstische nationale Identifizierung vor den Tatsachen der Geschichte zu retten versucht.[1] In Leipzig erhält der antisemitische und erzreaktionäre ehemalige Bürgermeister Carl-Friedrich Goerdeler ein Denkmal (Bündnis gegen Rechts 1999). So weit zum gesellschaftlichen Kontext. Der zweite Grund ist ein eher fachwissenschaftlicher, aber deswegen nicht weniger politischer. Die Ergebnisse des Historikerstreits, der (Teil-)Sieg über die Revisionisten scheint heute, mehr als 10 Jahre danach, in weite Ferne gerückt (Wippermann 1997). Die Relativierung von Auschwitz scheint wieder „in“ zu sein, seit der „Wieder“vereinigung wird sogar Erich Honecker mit Hitler verglichen, die Totalitarismustheorie feiert fröhliche Urständ (Wippermann 1997: 10f., Roth 1999). Punkt drei ist ein tagesaktueller Anlass. Der Vorreiter des deutschen Geschichtsrevisionismus Ernst Nolte erhielt jüngst den „Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft“ der rechtskonservativen Deutschland-Stiftung (Süddeutsche Zeitung 22.V.2000). Der Preis, gestiftet für Menschen, „die zu einer besseren Zukunft beitragen“, geht damit an einen, der sich vornehmlich um eine bessere Vergangenheit kümmert (Willms 2000). Vielleicht entwickelt sich daraus ein neuer Historikerstreit. An der aus dem Historikerstreit bekannten Stelle, nämlich im Feuilleton der „Zeit“ vom 15. Juni 2000 (S. 53) veröffentlichte Heinrich August Winkler einen offenen Brief, in welchem er den Rücktritt des Direktors des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Horst Möller fordert, welcher bei der Verleihung des Preises die Laudatio für Nolte gehalten hatte. In den seit dem Beginn des Historikerstreits vergangenen fast 15 Jahren ist Ernst Nolte mit immer abstruseren apologetischen, zum Teil extrem antisemitischen und faschistoiden Äußerungen aufgefallen, so dass eine viel deutlichere Gegenwehr zu erwarten sein müsste. Mittlerweile veröffentlicht sogar die FAZ, zu Zeiten des Historikerstreits Hauptplattform für die Revisionisten, keine Artikel Noltes mehr, weil er sich zu deutlich selbst diskreditierte. Grund genug noch einmal zurückzuschauen. Am weitesten vom Fachlichen ins Gesellschaftlich-Politische hinein reicht ein Teil der Debatte, der sich um den Historiker Michael Stürmer dreht, denn dieser ist auch aktiver Publizist, z.B. im journalistischen Bereich, und nicht „nur“ Wissenschaftler, vielmehr versucht er sogar beides zu verknüpfen. Historikersein scheint für ihn eine Art Sendung zu sein. In der modernen Gesellschaft gäbe es nämlich ein Bedürfnis nach Identität, nach einer höheren Sinnstiftung, welches außer Religion bisher allein Staat und Nation zu stillen imstande gewesen seien. Mit diesem Postulat hat er die Rolle des Historikers schon fast verlassen, was genug historische Gegenbeispiele beweisen (Wehler 1988: 69).[2] Dieses Sinnbedürfnis zu stillen sei Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Und unter diesem Motto steht auch sein Arbeiten. Er kommt zu Feststellungen wie derjenigen, dass der Pluralismus der Werte und Interessen (auch im Hinblick auf Geschichtsdeutungen) früher oder später zum sozialen Bürgerkrieg treibe, so wie am Ende der Weimarer Republik. Die linksliberalen Verfassungspatrioten, die damals noch eine recht große Bedeutung an den deutschen Universitäten hatten und im Historikerstreit die meisten Kritiker am Revisionismus stellten, wurden durch solche Äußerungen förmlich „auf die Palme gebracht“, denn gerade auf diesem „Pluralismus der Werte und Interessen“ (Wehler 1988: 71) beruht ihr Weltbild, dieser Pluralismus ist für sie die Basis der Bundesrepublik. Habermas wählte für die Eröffnung seiner Kritik an den „apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ nicht zufällig dieses Sinnstiftungspostulat Stürmers. Er expliziert und praktiziert hier nämlich die Verbindung zu den anderen Revisionisten, die doch teilweise ganz anderes schreiben. Man wird sehen, wie sich dieses Problematik durch alle Ebenen des Streites zieht. Ich werde jedoch weniger auf die politische, sondern schwerpunktmäßig auf die „fachliche“ Ebene eingehen. Am Schluss kann man dann von dieser ausgehend die politischen Implikationen besser verstehen und bewerten. Ich werde hier die wesentlichen der revisionistischen Standpunkte benennen und die Kritik an diesen darstellen. Dabei verwende ich die Literatur aus der heißen Phase des Historikerstreits, aber auch andere, v.a spätere Veröffentlichungen um dann einen eigenen Standpukt beziehen zu können. Der Untertitel einer Textsammlung zum Historikerstreit („Die Dokumentation der Kontroverse um die Einmaligkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“) verdeutlicht einen Hauptschwerpunkt der Debatte, vielleicht auch den schwierigsten Streitpunkt. Dieser ist v.a. mit dem Namen Ernst Nolte verbunden und wird auch in dieser Arbeit den meisten Platz beanspruchen. In der Natur der Darstellung einer Debatte liegt es auch etwas reichlicher Originalzitate anzuführen. 2 Ernst Noltes Revision: kausaler Nexus und logisches PriusDen entschiedensten Versuch die deutschen Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus, das, wofür Auschwitz zum Synonym geworden ist, zu relativieren, aufzurechnen und zu verklären unternahm der Berliner Geschichtsphilosoph Ernst Nolte. Seine Schriften waren ein wesentlicher Auslöser des Historikerstreits. Nolte fiel schon länger dadurch auf, dass er die Verbrechen des Nationalsozialismus „humanisierte“, indem er empört auf die Untaten anderer hinwies (Nolte 1987: 19f.). Die so negative Bewertung des Faschismus begreift er als Ausdruck einer von den Siegern geschriebene Geschichte[3]. In seinem dritten Buch, „Marxismus und industrielle Revolution“ behauptet er, dass der Faschismus nicht nur eine Reaktion auf den Kommunismus war, sondern, dass Marxismus und Kommunismus dem Faschismus Methoden und Motive lieferten. Die zentralen Thesen seines vierten Buches „Der europäische Bürgerkrieg 1917 bis 1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus“ (Nolte 1987c), zu denen auch die Annahme gehört, dass der Nationalsozialismus Kopie des Sowjetkommunismus sei, finden sich auch in einem Essay namens „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Es ist einer der Texte auf die sich Habermas (1987) in seiner Revisionismuskritik bezieht. Dort stellt Nolte auch seine Ziele dar. Die Betonung der Einzigartigkeit der „Endlösung“ stehe nämlich der Entwicklung eines nationalen Selbstbewusstseins im Wege. Denn Auschwitz sei, abgesehen vom rein technischen Vorgang der Vergasung, nicht einzigartig[4]. Der erste Völkermord dieses Jahrhunderts sei der an den Armeniern im Jahre 1915; weitere folgten.[5] Ein Nazi der ersten Stunde, Erwin Scheubner-Richter, habe diesen als „asiatische Tat“ verurteilt. Nolte fragt nun, verbunden mit der Spekulation, ob nicht zwischen dessen und Hitlers Denken kein grundlegender Unterschied bestand, wie es dazu kommen konnte, dass die Nazis wenige Jahre später eine noch schlimmere „asiatische Tat“ vollbrachten. Er sieht hier einen „kausalen Nexus“ (Nolte 1987a: 46), der „auf schlichten Wahrheiten“ ( ebd. 45) beruhe. Diese „Wahrheiten“ bestehen im einzelnen aus den Fragen: Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten! War nicht der „Archipel GULag“ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der „Klassenmord“ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des „Rassenmords“ der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den „Rattenkäfig“ nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte? Die Vermittlungsinstanz jener Angst Hitlers, der „Rattenkäfig“ war nach Nolte ein Folterinstrument der „chinesischen Tscheka“, dass Hitler möglicherweise kannte, für Nolte ein Sinnbild für die angenommene Angst Hitlers vor den Bolschewiki.[6] Und letztendlich entspreche der Rassenmord der Nazis dem bolschewistischen Klassenmord. Es stehen nun zwei Fragen im Raum: Erstens: War der Nationalsozialismus eine singuläre Erscheinung, zumindest etwas qualitativ besonderes, von anderen Faschismen und v.a. vom bolschewistischen Stalinismus grundlegend verschiedenes? Und zweitens: Sind seine motivationalen Ursachen im bolschewistischen Sowjetrussland zu finden? Dazu in den nächsten beiden Kapiteln.[7] 2.1 Was kam zuerst?2.1.1 Der „kausale Nexus“Die Verbindung zwischen den beiden doch so unterschiedlichen Phänomenen des zwanzigsten Jahrhunderts stellt Nolte u.a. durch die Neubestimmung des Wesens des Faschismus her. Dieses ist „weder in verbrecherischen Neigungen noch in antisemitischen Obsessionen zu suchen. Das Wesentlichste am Nationalsozialismus ist sein Verhältnis zum Marxismus und insbesondere zum Kommunismus in der Gestalt, die dieser durch den Sieg der Bolschewiki in der russischen Revolution gewonnen hatte.“ Nationalsozialismus und Bolschewismus repräsentieren beide Versuche, „Probleme, die mit der Modernisierung zusammenhängen, durch die Beseitigung einer großen Menschengruppe zu beseitigen“. Die Verbrechen des Bolschewismus führten zu einer Defensivreaktion der Bourgeoisie. Hitlers Antikommunismus sei so verstehbar und „bis zu einem gewissen Punkte auch gerechtfertigt“, eine Ideologie um Deutschland und die Bourgeoisie gegen die kommunistische Bedrohung zu verteidigen. Die „Gegenideologie“ des Antisemitismus sei demzufolge eine Reaktion auf den Bolschewismus. Die „Endlösung“ sei eine Kopie des GULag, die Vernichtung der Juden eine biologische Variante der „Vernichtung des Bürgertums und der Kulaken“. Die Nationalsozialisten setzten dann Juden und Bolschewiken gleich. Was hat nun Hitler zum Holocaust getrieben? In „Mein Kampf“ schreibt er unmissverständlich, dass er schon 1914 zum Antisemiten geworden sei, d.h. also nicht im Eindruck der russischen Revolution und nicht im Eindruck der Wirren der Münchner Räterepublik, in der „die Juden eine herausragende Rolle (...) gespielt haben“ (so der Nolte-Apologet Koch 1985: 374f.). Wer, wie z.B. Koch, die Verlässlichkeit der Äußerungen in „Mein Kampf“ bezweifelt, wird trotzdem keine Hinweise darauf finden, dass Hitler seine Ideen und Absichten aufgrund der Beobachtung der bolschewistischen Revolution herausgebildet hätte (Evans 1991: 54, 55f), sondern schon länger Antisemitismus und Lebensraumträume sein Denken bestimmten. Auch Hitlers Abscheu vor der „asiatischen Tat“ lässt sich nicht halten. Bei Scheubner-Richter selbst ist das Wort „asiatisch“ nicht nachzuweisen, erst Jahre später verwendet es sein Biograph. Doch selbst wenn, ist sehr zu bezweifeln, dass Hitler ebenso gedacht hat, zumal sich die beiden zur fraglichen Zeit, 1915, noch gar nicht kannten. Außerdem gibt es keinerlei Hinweise, die auf eine 1915 bestehende Aversion Hitlers gegen Massenverbrechen schließen lassen. Und selbst wenn man die angebliche Angst Hitlers vor den Bolschewiki (gleichgesetzt mit Juden) annimmt, erklärt das noch immer nicht die „Euthanasie“ und die nicht geringere Brutalität des Vorgehens gegen Zigeuner und Homosexuelle. Nolte unternimmt auch nicht den Versuch zu widerlegen, was in der Literatur lange belegt ist: Hilters Bewunderung für Stalin und nicht Angst vor seinen Methoden. Auch der „Rattenkäfig“ stellte sich, wie Eberhard Jäckel (u.a. 1987: 120) zeigt, als das GPU-Gefängnis Lubjanka heraus. Die Argumentation Noltes, dass damit wirklich ein „chinesisches“ Folterinstrument gemeint sei, wie er annimmt, ist sehr zweifelhaft, die Quellen sind dürftig und Nolte zitiert unkorrekt und argumentiert nicht schlüssig (vgl. Wehler 1988: 147f., Evans 1991: 57f.). Alles in allem gelingt es Ernst Nolte nicht den kausalen Nexus schlüssig nachzuweisen, sondern es bleibt bei eher assoziativen Unterstellungen. Jäckel (1987: 121) begründet auch, warum Hitler die Juden töten wollte. Dieser Gedanke entsprang seinem in sich geschlossenen Weltbild und keiner Angst. Vielmehr hielt Hitler die Sowjetunion für vor dem Zusammenbruch stehend, für einen „Koloss auf tönernen Füßen“. Das Politikum an dieser Nolte’schen Argumentation ist, dass mit dem kausalen Nexus eindeutig Verantwortung von Hitler, von den deutschen Eliten, der militärischen Führung und allen anderen Mittätern genommen wird. Und man kann sich wieder positiv auf Deutschland beziehen. 2.1.2 Hitlers „wirkliche Bedrohung“ durch die JudenHitlers Angst vor einer Vernichtung durch die Juden sei außerdem nicht ganz unbegründet gewesen. Als Rechtfertigung dient ein Brief von Chaim Weizmann, dem Präsidenten des zionistischen Weltkongresses, der 1939 anlässlich der Tagung des Kongresses in einem Brief erklärt habe, die Juden der ganzen Welt würden an der Seite Englands gegen Deutschland kämpfen. Deswegen konnten die Nazis die deutschen Juden quasi als Kriegsgefangene behandeln, so wie die USA nach Pearl Harbor die amerikanischen Staatsbürger japanischer Herkunft internierten. Nolte schließt sich hier dem rechtsradikalen britischen „Historiker“ David Irving an. Er übergeht, dass im Brief erstens lediglich von den Juden Palästinas die Rede ist und zweitens, dass es die „jüdische Nation“ damals nicht gab und keinen der sich zum Sprecher der Juden in aller Welt machen konnte, im Gegensatz zur japanischen Regierung, die allgemein anerkannte und akzeptierte Vertreterin Japans war. Und im Gegensatz zur japanischen Armee (in Amerika) hat kein Jude (die ja zudem zum großen Teil Deutsche waren und sich als solche fühlten) deutsche Stützpunkte bombardiert oder deutsche Streitkräfte angegriffen, was natürlich keine Entschuldigung für das amerikanische Verhalten gegenüber den japanischen Bürgern sein kann. In Zusammenhang mit der NS-Vernichtungsmaschinerie Auschwitz von „Internierung“ zu reden, ist hingegen mehr als eine Verniedlichung (Evans 1991: 59f). 2.2 Der missbrauchte Vergleich oder Was ist das Singuläre?Das Einzigartige an dem Antisemitismus der Nazis war letzten Endes seine planvolle, systematische Tötung aller Juden ohne jede Ausnahme (Evans 1991: 109). Es geht hierbei um die Vernichtung einer ganzen ethnisch-biologisch definierten Gruppe, bewusst, gewollt, allen, die es wissen wollten bekannt und von vielen durchgeführt in einer bürokratisch organisierten Vernichtungindustrie. Doch sollte man sich zuerst die anderen „vergleichbaren“ Massenverbrechen anschauen um dann Rückschlüsse zu ziehen, worin die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus besteht oder eben nicht. Man sollte sich dabei vor Augen halten, dass das Insistieren auf Singularität nicht bedeuten darf, dass man quantitativ zu bestimmen versucht, was zu mehr oder weniger schlimmen Morden, mehr oder weniger Toten geführt hat, sondern dass man die Umstände und Strukturen, die Motivationen und die Ergebnisse als Ganzes betrachtend feststellt, ob sich das Wesen der Vergleichsobjekte entspricht bzw. ähnelt oder nicht, und, wenn nicht, worin das Spezifische des einzelnen liegt. Ich werde in diesem Abschnitt, zum großen Teil in Anlehnung an die Kontrovese, zu zeigen versuchen, dass der Nationalsozialismus, insbesondere wegen der Shoah, ein kategorial einmaliges Ereignis in der Geschichte darstellt. Standardbeispiel Nummer 1 für Völkermord im 20. Jahrhundert: 1,5 Millionen Armenier wurden von „den Türken“ 1915 umgebracht. Ziel war aber nicht ihre Vernichtung, sondern brutale Vertreibung und Umsiedelung. „..., und die Türken hatten auch nicht das Gefühl, versagt zu haben, als die Morde endeten, ohne dass auch nur die Mehrheit der Armenier ums Leben gebracht worden wäre. Außerdem waren die Massaker an den Armeniern ein Produkt eines tatsächlich bestehenden politischen Konflikts und nicht einer paranoiden und obsessiven politischen Wahnidee“ (Evans 1991: 127, Hervorhebung P.U.). Die Regime von Pol Pot
in Kambodscha und Idi Amin in Uganda brachten auch über eine Million
Menschen um, nicht jedoch aus Rassismus, sondern um durch Terror die
Opposition zu unterdrücken und um sich an Gegnern zu rächen, um z.B.
ihr „proletarisches Kambodscha“ zu schaffen, aus politischen Kalkül
im Zuge von Interessenverfolgung also. (Evans 1991: 127) Das wichtigste angeführte
Beispiel ist: die „Kulakenvernichtung“ und die Vernichtung der
„Bourgeoisie als Klasse“. Für Wehler ist neben Parallelen wie
Brutalität, Lager und maßlosem Morden der wesentliche Unterschied,
dass im Gegensatz zu allen Juden im nationalsozialistischen
Machtbereich die Bauern lange Zeit die Option hatten (das änderte
sich am Höhepunkt der Hungerkatastrophe) sich für die
Kollektivierung und damit das Überleben im Kollektiv zu entscheiden.
Evans (1991: 128) bezweifelt zwar zu Recht diese
Entscheidungsfreiheit, weist aber auf die immense Willkürlichkeit und
Unberechenbarkeit des Stalinschen Terrors hin, die in krassem
Gegensatz zur absoluten Vorhersagbarkeit des NS-Terrors stand, der
sich eindeutig gegen bestimmte leicht zu identifizierende Opfergruppen
richtete, während die Bolschewiki oft willkürlichst auswählten. 2.2.1 Wurde die Bourgeoisie „ausgerottet“?Die Bolschewiki begannen nach der Machtübernahme mit der generellen Unterdrückung jeder Opposition. Die Auseinandersetzung mit den Konterrevolutionären steigert sich bis 1918 zu einem Bürgerkrieg. Hier entfaltet sich der sogenannte „rote Terror“. Dem gegenüber steht jedoch ein nicht minder gewalttätiger Terror der „Weißen“, die zum Teil auch noch durch ausländische Mächte unterstützt wurden. Die Brutalität im Bürgerkrieg, der mit größter Härte auch gegen die Zivilbevölkerung geführt wurde, ergibt einen Kontext, der keine Basis für einen Vergleich mit der systematischen Ausrottung der hilflos ausgelieferten Juden bietet. Für Nolte liegt der Vergleich auf Hand; das „Andere“ des roten Terrors ist, dass sich die Gewalt gegen Mitglieder einer Klasse gerichtet haben soll, so wie bei den Nazis gegen die Mitglieder einer Rasse. Ausschlaggebend war die Geburt. Merl (ebd. 370f.) weist darauf hin, dass trotz der Vernichtungsrhetorik gegen die Bourgoisie in großem Maße Arbeiter, Mitglieder von Arbeiterparteien, Bauern und Deserteure der Roten Armee betroffen waren. Der „rote Terror“ zielte auf die Einschüchterung großer Massen um sie von konterrevolutionären Taten abzuschrecken. Auch fehlte dem „roten Terror“ als wesentliches Charakteristikum (anders als in der Zeit des großen Terrors) die zentrale Lenkung, die Exzesse gingen überwiegend vom “Pöbel“ (ebd. 371) und lokalen Führern aus, als Ausdruck der revolutionären und Bürgerkriegssituation. 2.2.2 Wurden die Kulaken „ausgerottet“?Die Kulaken, die als „Klasse vernichtet“ werden sollten, gab es als Klasse gar nicht (Conquest 1988: 11). Merl (1987: 172f.) zeigt, dass die Zuordnung im Einzelfall stets eine Willkürentscheidung lokaler Machtorgane war. Man schlug nach seiner Ansicht auf den fiktiven Kulaken ein um die Masse der Bauern einzuschüchtern und willfährig zu machen. Der Terror gegen die willkürlich als Kulaken definierten war hauptsächlich ein Gewaltmittel zur Durchsetzung der Zwangskollektivierungen und nur in den Anfangsjahren „wirklicher“ Klassenkampf. Da auf Anweisung der Parteiführung jeweils ein bestimmter Prozentsatz der Höfe als „Kulakenwirtschaft“ zu liquidieren war, mussten viele örtlichen Machthabern missliebige Leute einbezogen werden, denn selbst nach der offiziellen Einordnung waren so viele überdurchschnittlich verdienende oder gar wohlhabende Höfe nicht existent. Noch deutlicher wurde dies bei der zweiten Welle der Verfolgungen. Alle wohlhabenderen Höfe waren bereits enteignet. Es fanden sich aber immer mehr Kulaken unter den Kolchosbauern. Denn der Begriff ging ab hier nahtlos in den des Volksschädlings über. Als Kulak konnte man jetzt wegen „Klassenblindheit“, „Sabotage“ oder „Misswirtschaft“ definiert und verfolgt werden. Die harte Gewalt, die vielen angetan wurde, liegt auch nicht im Willen systematisch eben so zu verfahren begründet, sondern zum großen Teil an der überstürzten Art und Weise des Vorgehens ohne organisatorische Vorbereitung. Viele Verfolgte verhungerten oder erfroren, weil der Befehl zur Umsiedlung sofort ausgeführt werden sollte, während noch keine andere Behausung bereitgestellt war. Ziel der Aktionen aber, das zeigt sich in amtlichen Anweisungen, war nicht die physische Vernichtung, sondern die Konfiskation des Eigentums und die Vertreibung vom Hof. Es ist kein Befehl zur physischen Vernichtung der „Kulaken“ bekannt (Merl 1995: 299), aber die Kategorie „Kulak“ war aus dem Herrschaftsinteresse die Bauern in den Kolchosen zu halten unentbehrlich. Der „Kulakenverfolgung“ fielen viele Menschen zum Opfer. Im Zeitraum zwischen 1929 und 1932 waren davon 600 000 bis 800 000 bäuerliche Haushalte betroffen, das heißt 3,5 bis 5 Mio. Menschen. Jedoch verblieb über die Hälfte in ihren Heimatbezirken, wo sie unter erschwerten Bedingungen einen Neuanfang versuchen mussten. Etwa 350.000 Familien mit 1,8 Mio. Mitgliedern wurden deportiert.[10] Ihre Zahl ging bis 1941 auf 930.000 zurück, was sich zum großen Teil durch Abwanderung und natürliches Ableben erklärt. 100.000 starben im GULag, 100.000 bei der Vertreibung aus ihren Häusern. Die Gesamtzahl der Opfer bis Ende der 30er Jahre liegt bei etwa 300.000. Ab 1933 verschwanden dann stufenweise die Diskriminierungen (Merl 1987: 377). Fazit zum Vergleich: Die hohe Zahl der Opfer war eine Begleiterscheinung der Aktion, sie wurde offensichtlich von der Parteiführung in Kauf genommen. Trotzdem ist aus den Umständen ersichtlich, dass in der Sowjetunion anders als bei den deutschen Judenmorden, von einem vorgefassten, systematischen Vernichtungswillen der Staatsmacht gegenüber diesen Menschen nicht gesprochen werden kann (ebd. 379). 2.2.3 Die HungersnotEin Kontext der „Kulakenverfolgung“ aber nicht dasselbe ist die schwere Hungersnot in den südlichen und südöstlichen Getreidegebieten 1932-1934. Zu schnell werden die Opferzahlen vermischt und addiert. Wahrscheinlich 6 Mio Menschen fielen ihr zum Opfer (Merl 1995: 293). Exilukrainer haben die Behauptung aufgestellt, dass es sich dabei um einen bewussten Genozid an den Ukrainern gehandelt habe. Das ignoriert jedoch, dass der Hunger ebenso grausam im - russischen - Wolgaraum und in Kasachstan herrschte. Die Parteiführung setzte den planmäßigen Getreideabzug aus diesen Gebieten trotz des Hungers fort, vermutlich in der Überzeugung, die Bauern würden die Ernte sabotieren. V.a. wegen des großen Devisenbedarfs für die Industrialisierung wurde auch während der Hungersnot weiter Getreide exportiert (ebd. 381). Für die Genozidthese muss hier aber auch darauf verwiesen werden, dass die Ukraine mitsamt ihrer Bevölkerung ungleich stärker betroffen war. Jedoch ist nicht die Ideologie und der Wille zu erkennen, die Ukrainer komplett „auszurotten“. Es steht zudem außer Zweifel, daß sie [die Parteiführung, P.U.] durch die Unterlassung der Hilfeleistung den Massentod billigend in Kauf nahm, um die Kolchosbauerschaft zu disziplinieren. Auch wenn eine systematische Vernichtung, anders als in Deutschland, nicht beabsichtigt war, bleibt das Handeln der sowjetischen Parteiführung nicht minder verwerflich (ebd.). 2.2.4 Trotzdem vergleichen?Der Vergleich ist nicht grundsätzlich abzulehnen, natürlich kann und darf (und sollte) verglichen werden, was eine brauchbare Vergleichsgrundlage bietet. Es kann und darf nicht verglichen werden um durch Aufrechnung nationale Entlastung zu erreichen, wie dies bei Nolte offensichtlich der Fall ist. Ein m.E. in den wissenschaftlichen Beiträgen zu wenig beachteter Punkt, der den Nationalsozialismus von der SU unter Stalin unterscheidet ist die „Volksgemeinschaft“, die hinter all den Verbrechen steht, denn schließlich gründete sich „die Herrschaft des Nationalsozialismus (...) auf der Ekstase der Mehrheit der Beherrschten“ (Benz 1987: 28). Dies gilt zumindest für die Anfangsjahre. Später wurde daraus ein trotziger Patriotismus, der nicht nach Ursachen fragte, sondern das „Vaterland“ auch unter einer „bösen“ oder „schlechten“ Führung als Wert an sich unbedingt verteidigte. Zum Wesen des Nationalsozialismus zählt meines Erachtens, dass es ein Projekt breiter deutscher Schichten war. Zumindest bedeutet dies, dass die deutsche Gesellschaft in ganz anderer Weise für den vom Dritten Reich entfesselten Aggressionskrieg und die darin eingeschlossenen Akte der zivilen Massenvernichtung Verantwortung trägt, als man es über die sowjetische Gesellschaft in den Zeiten des Stalin’schen Terrors sagen könnte - schon weil sie dort das Hauptobjekt dieses Terrors war. Zum Punkt „Singularität oder ein Fall unter anderen“ müsste auch noch die Entwicklung der Totalitarismustheorie mitsamt ihren Wandlungen dargestellt werden, denn auch sie beinhaltete immer zumindest den Keim der Relativierung durch Vergleich in sich.[11] Nolte, der in den 60er Jahren wesentlich zur Schwächung der Totalitarismustheorie beigetragen hat, indem er sich dem Phänomen „Faschismus“ vergleichend widmete, kommt letztendlich fast wieder zum Totalitarismuskonzept zurück. Faschismus und Kommunismus sind für ihn beides „radikale“ Bewegungen, die sich gegen Probleme wenden, die mit der Industrialisierung, dem modernen liberalen Kapitalismus zusammenhängen. Noltes Vergleich bewegt sich auf dieser abstrakten Ebene. Sein Konzept scheitert nach Evans (1991:62) z.B. an der so unterschiedlichen sozialen Basis der Bewegungen.[12] Zu stark ist zum Beispiel die Verquickung der Wirtschaft in den und die Interessenkongruenz mit dem Nazionalsozialismus und seinen expansiven imperialistischen Bestrebungen im nicht angetasten kapitalistischen (Wirtschafts-)System. Während der Bolschewismus im Zuge der Revolution zeitweise auch auf hohe Zustimmung (jedoch auch fast nur unter den ArbeiterInnen) stieß, musste er doch das Bestehen seiner Herrschaft mit Gewalt gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchsetzen. Dies ist ein viel wesentlicher Punkt bei der Unterscheidung des NS-Deutschland vom bolschewistischen Russland als z.B. Verweise auf den humanistischen Kern selbst der (im übrigen unmarxistischen) Ideologie des Marxismus-Leninismus. Was Stalin mit brutalster Gewalt durchsetzte, konnten Hitler und der NS-Apparat mit Hilfe alter Eliten und Unterstützung aus allen Teilen der Bevölkerung tun. Die ArbeiterInnen, die die Bolschewiki unterstützten, taten dies als Akt der Ablehnung der provisorischen Regierung, die ihre Forderungen z.B. nach Beendigung des Krieges nicht erfüllen wollte (und z.B. der Zögerlichkeit der Menschewiki in der Frage der Aufstellung Roter Garden), für bessere Lebensbedingungen, für Landaufteilung, für Frieden (Bonwetsch 1991: 150ff.). Sie wurden von den Bolschewiki betrogen, als diese bald die Sowjets zurückdrängten, Streiks und Aufstände gewaltsam niederschlugen. Die Nationalsozialisten haben nie einen Hehl aus ihren Zielen gemacht, Versailles zu revidieren, „Lebensraum im Osten“ zu erobern, die Juden zumindest zu terrorisieren (während die „Endlösung“ eher etwas verschleiert wurde). Sie wurden von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung wegen und trotz dieser Ideologie und den daraus folgenden Taten unterstützt. So ergibt sich gerade der Aspekt der Ideologie und Realität der „Volksgemeinschaft“, der nicht mit den patriotische Elementen in der bolschewistischen Herrschaft gleichgesetzt werden kann, als etwas Wesentliches in Nationalsozialismus. Das macht nicht einen Toten unter Stalin zu einem weniger schlimmen Fall. Wenn jedoch Geschichte zum Lernen für Gegenwart und Zukunft dienen soll, zeigt der Vergleich Nationalsozialismus - Bolschewismus/Stalinismus, dass gänzlich verschiedene Aspekte zu der Übel Wesen gehören. Und damit komme ich zum nächsten wesentlichen Punkt, dem was in den vorherigen Kapiteln gezeigt wurde: Nicht nur die soziale Basis und die „Bekanntheit“ der geplanten/ausgeführten Verbrechen waren unterschieden sich, sondern eben jene Taten selbst. Die Judenvernichtung war bei den Nazis Ziel an sich, während der Stalin’sche Terror ein Mittel zum Zweck darstellte: zur Abschreckung, Herrschaftssicherung durch Terror, Arbeitskräftegewinnung für die Industrialisierung und zur Stillung des entstandenen Arbeitskräftebedarfs der Geheimdienst-Industrien,[13] zur Devisengewinnung durch Getreideverkauf (was zu den Millionen Hungertoten führte).[14] Die „wahren“ Motive Stalins liegen trotzdem immer noch etwas im Dunkeln. Wesentlich für den Vergleich mit Nazi-Deutschland ist, dass nicht Abstammung wie in Deutschland automatisch das Todesurteil bedeutete.[15] Es gab kein sowjetisches Vernichtungslager, welches nur dazu da war, die Menschen gleich nach ihrer Ankunft zu ermorden, wie Treblinka. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sind nicht das gleiche wie die Ausrottung einer ethnischen Gruppe. Bei aller prinzipiellen Vergleichbarkeit, bei dem schrecklichen all dieser Ereignisse ist und bleibt die Shoah einzigartig, weil wesensverschieden vom Stalinismus. Die Gegenüberstellung in einem Dichotomieschema könnte die Verschiedenheiten modellieren. Auch wenn die Trennschärfe keine hundertprozentige ist, werden hoffentlich die verschiedenen Kerne deutlich
Nirgendwo sonst als im zwischen 1941 und 1945 von den Deutschen besetzten Europa gab es jemals einen Apparat, der so zielstrebig einzig und allein zu dem Zweck aufgebaut wurde, Massenmord als aus sich selbst gerechtfertigten Vorgang zu begehen (Charles Maier 1988: 82, Übersetzung Evans 1991: 135). Man kann sich noch größere Zahl von Opfern und eine technologisch noch effizientere Tötungsart vorstellen, aber sobald ein Regime beschließt, daß Gruppen, nach welchen Merkmalen auch immer, ausgesondert und auf der Stelle zu vernichten seien und daß sie auch nie mehr auf Erden leben dürfen, ist tatsächlich das äußerste Überschritten. Diese Grenze ist meiner Auffassung nach in der modernen Geschichte nur ein einziges Mal, und zwar durch sie Nazis erreicht worden (Saul Friedländer 1987: 50). 3 Weitere Aspekte3.1 Nolte, Hildebrand: KriegsschuldAus Noltes Auffassung, der Nationalsozialismus sei eine defensive Reaktion auf den Bolschewismus, leitet sich auch fast automatisch eine neue Kriegsschulddiskussion her. „Hitler hätte sich als Kämpfer für den abendländischen Individualismus, für die Herrschaft der zivilisierten Menschen über die Barbaren begriffen“ (Evans über Noltes Argumentation 1991: 64) Diese „Übersteigerung einer im Kern richtigen Einsicht“ (Nolte 1987c: 218) brachte Hitler dazu einen „Präventivkrieg“ zu führen, denn mit Recht fühlte er sich bedroht „durch mentale Kriegshandlungen“ der Sowjetunion (meint er den Hitler-Stalin-Pakt?). Ähnlich, aber nicht ganz so weit gehend, argumentiert auch der Geschichtsprofessor Klaus Hildebrand, einer der Revisionismusprotagonisten, oder auch Bernd Hoffmann vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Grundlage der Nolte’schen Argumentation ist seine Annahme, dass sich die UdSSR im Falle eines Bürgerkrieges in Deutschland bis zur Elbe ausgedehnt hätte. Hitler verstand seinen Krieg deshalb als Präventivkrieg gegen den Kommunismus, der seinen Ausdehnungswillen nach Westen schon mehrfach propagiert hatte. Hildebrand kommt zur seinen nicht ganz so weit gehenden Ansichten durch den Vergleich der Außenpolitiken Stalins und Hitlers, bei welchen er grundlegende Gemeinsamkeiten konstatiert. Beide hätte weitreichende Kriegszielprogramme besessen, die zur Kollision führen mussten. In einer Artikelserie der FAZ wurde die Ansicht verbreitet Stalin hätte 1941 oder 1942 Deutschland angreifen wollen. Andreas Hillgruber hingegen lehnt interessanterweise die Präventivkriegsthese ab. Dazu kommen laut Evans (1991: 66f.) die „meisten professionellen Historiker“. Evans (1991: 133) weiter: „Es gibt kaum einen Grund anzunehmen, dass die sowjetischen Absichten gegenüber dem Westen Europas auch nur im entferntesten den deutschen gegenüber dem Osten glichen.“ Dies zeigte auch die wirkliche Entwicklung. Grundlage der Ablehnung dieser Thesen durch viele Historiker ist einfach die Schwache Basis solcher Behauptungen. Durch die Säuberungswellen war die Sowjetarmee immens geschwächt. Zwar Drittel der höheren Offiziersgrade waren ihnen zum Opfer gefallen, ebenso geschwächt war der Verwaltungsapparat. Die erste Kriegszeit bewies dann auch, wie wenig die Rote Armee in der Lage war einen Angriffskrieg zu führen. Auch Hitler wusste dies und griff ja auch deswegen an, in der Hoffnung auf einen erneuten schnellen Sieg. Die Präventivkriegsthese setzt auch wieder Hitlers Angst oder Befürchtungen voraus. Dafür scheint es jedoch keine Hinweise zu geben. 3.2 Andreas Hillgruber: Bollwerk gegen den Bolschewismus oder die Identifizierung des Historikers1986 erschien im Siedler Verlag ein Band von Andreas Hillgruber mit dem Titel „Zweierlei Untergang“. Diese Veröffentlichung ist ein weiterer wichtiger Aspekt in Habermas’ Kritik (Habermas 1987). Grund ist unter anderem der Untertitel des Büchleins: „Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums“. Man lasse sich die beiden Dinge einmal auf der Zunge zergehen: das Deutsche Reich wird zerschlagen, also von außen, mit massiver Gewalt zerstört, während das Judentum - ich halte mich an die klare Formulierung - ganz passivisch zu Ende geht. Im Vorwort beschreibt Hillgruber den Zusammenhang der beiden „nationalen Katastrophen“, des „zwiefach ungeheuren Geschehens“, also des „Mord[s] an den Juden im Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschland in den Jahren 1941 bis 1944“ und der „unmittelbar folgende[n] Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa.“ (Hillgruber 1986: 9), deren Ursachen im übrigen nicht nur in der NS-Gewaltherrschaft lägen, sondern auch in lange vorher geplanten Zielen der Alliierten. Opfer dieser Ereignisse seien nicht nur Juden und „Ostdeutsche“, sondern ganz Europa und vor allem die „zerbrochene europäische Mitte“ (ebd. 10.)! Die „Katastrophe“ sind bei Hillgruber nicht „nur“ die 7 Mio. toten Deutschen, nicht „nur“ die 6 Mio Juden, schon gar nicht die 21 Mio. Sowjetbürger oder 4,5 Mio. Polen und 1,5 Mio Jugoslawen, die sterben mussten (Wehler 1988: 48). Die moralische und fachliche Kritik wandte sich gegen den Vergleich, der dem Genozid an den Juden den gleichen Status zusprach wie der Zerstörung eines Staatensystems. Im ersten Aufsatz verstärkt sich der irritierte Eindruck weiterhin, denn Hillgruber will sich nun mit einer der beteiligten Positionen „identifizieren“. Es geht um die deutsche Niederlage im Osten. Die deutschen Wehrmacht hielt die Stellung so lange wie möglich und erreichte damit zweierlei. Erstens den „Schutz“ der deutschen Bevölkerung vor dem logischerweise starken Rachedurst der sowjetischen Truppen und damit z.T. die Möglichkeit nach Westen zu fliehen, zweitens aber auch die Voraussetzungen dafür, dass die Vernichtungslager weiterarbeiten und noch tausende um tausende Menschen töten konnten. Aus historiographisch-methodischer Sicht ist es nun eigentlich absolut nicht nötig sich mit einer der Parteien zu identifizieren, zumindest nicht, wenn die verstehende Erklärung und verbale Rekonstruktion der spezifischen historischen Situation mitsamt ihren Bedingungen Aufgabe des Historikers und der Historikerin ist, also letztendlich Streben nach intersubjektivem Erkenntnisgewinn und zumindest Annäherung daran, „wie es wirklich war“. Nicht jedoch für Hillgruber. Identifikation mit wem also? Die Identifizierung mit den zukünftigen Siegern ist für ihn „undenkbar“, da es sich auf die deutsche Nation als Ganzes bezogen (anders als in Bezug auf die Häftlinge) nicht um Befreier handele. Dabei unterschlägt er u.a., dass es auch zahlreiche deutsche KZ-Insassen gab, die wohl nicht in seine vorgestellte Nation passen. Vor allem aber setzt er die „deutschen“ „Opfer“ als wichtiger an als die aus den KZs. Andere Möglichkeiten der Identifizierung, z.B. mit dem deutschen „Widerstand“ des 20. Juli kommen für ihn auch nicht in Frage (dieser sei nur „gesinnungsethisch“, hier abwertend im Gegensatz zu verantwortungsethischer Haltung). Man muss sich dazu verdeutlichen, dass in dieser Zeit des allersinnlosesten Haltens der Front zwischen dem 20. Juli 1944 und dem Kriegsende, in der der „Untergang“ offensichtlich und sicher war, allein die Hälfte der deutschen Kriegsopfer umgekommen ist (Wehler 1988: 52). Da das „Objektivitätsideal“ und das „generelle(...) Gebot der Gerechtigkeit nicht weiter [helfen]“, muss sich der Historiker mit dem „konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres (...)identifizieren, die die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren“ und den „Fluchtweg nach Westen freizuhalten suchten“(Hillgruber 1986: 24f.). Für den Historiker bleibe nur diese eine Position. Hillgruber hat dies weder begründet noch besteht im geringsten ein Anlass zu einer solchen Positionierung (s.o.). (Wehler 1988: 52f.). Vielmehr zeigt er deutlich eine nationalistische Ideologie, in deren Dienst die Geschichtswissenschaft gestellt werden soll. Dazu postuliert er absolut nicht vorhandene Zwänge. Anstelle historischen Verstehens der Gesamtsituation, der einzelnen Motivationen, Interessen, strukturellen Zwangslagen etc. setzt er die Parteinahme und ignoriert an wichtigen Stellen die Kausalitäten, die Tatsache, dass all das Leiden der „Deutschen im Osten“ nicht geschehen wäre, wenn Deutschland nicht den ideologischen und rassischen Vernichtungskrieg im Osten begonnen und mit aller Gewalt und Konsequenz geführt hätte. Deswegen kommt Habermas (1987: 64) zu dem Schluss, dass Hillgruber scheinbar eben nicht, wie er das im Vorwort ankündigt, die beiden „Vorgänge“ in ihrer „düsteren Verflechtung“ zeigen will. Anders zwar als Nolte, doch mit einem ähnlichen Ziel relativiert Hillgruber die deutschen Verbrechen, indem er sie in abstruse Kontexte bringt. Im Buch „Zweierlei Untergang“ geschieht dies durch den Titel, durch die gleichrangige Behandlung der beiden Themen in einem Rahmen und durch die explizite Einordnung beider Themen in einen allgemeinen Kontext von Völkermorden und Massenumsiedlungen. Die Zerschlagung Preußens und des deutschen Reiches erscheint daher in Hillgrubers Buch als etwas der Vernichtung der europäischen Juden ähnliches (Evans 1991: 79). Auch in Hillgrubers „gefühlvoller“ Sprache kommt dies zum Ausdruck. Er spricht z.B. von „Hoheitsträgern in der NSDAP, die sich in der Not bewährten“ (Hillgruber 1986: 37). Emotionsgeladen bedauert er die „Zerschlagung“ des Reiches, malt die Grausamkeiten der sowjetischen Armee in den dunkelsten Farben, während im zweiten Teil kühl referierend von dem millionenfachen Mord an den Juden berichtet wird, mit dem „der angestrebten ‘Weltmacht’-Position seines [Hitlers, P.U.] Reiches Dauerhaftigkeit verliehen werden konnte“(sic!, ebd. 98f.).
3.3 Stürmer/Hildebrand/Hillgruber: Mittellage und Geopolitik[16]„Die deutsche Mittellage blieb Alptraum und Versuchung zugleich“ „Teil des deutschen Schicksals war es immer, daß die Mittellage in Europa beides war: Versuchung und Verdammnis“[17] „Weiterhin ist die amorphe landschaftliche Gestalt zu bedenken: ein Land ohne Mittelpunkt, ohne natürliche Grenzen, in seiner Verkehrsgeographie durch Flüsse und Gebirge zerhackt.“ „Das Diktat der geographischen Lage...“[18]
Diese Zitate sind Originaltöne von Vetretern der Geopolitik bzw. Mittellagen-Lehre, die wesentliche Ursachen für historische Entwicklungen in der Geographie begründet sehen. Es sei der Fluch der Mittellage, der Deutschlands „Schicksal“ bestimmt hat. Im Historikerstreit nicht unbedingt einer der Hauptschauplätze ist die Beschäftigung mit dieser Problematik heute jedoch wichtiger, da diese Paradigmen wieder Konjunktur haben. Einer der Vertreter ist Hagen Schulze (1987). Mit Bezug u.a. auf Fernand Braudels Theorie der „longue durée“, für die die Geographie ein Beispiel par excellence sei, kommt er auf Überlegungen wie die in den obigen Zitaten angedeuteten. Neben der „amorphen Gestalt“ ist es die gesamteuropäische Funktion Deutschlands, wie angeblich jeder Blick auf die Landkarte zeigt, die „die Deutsche Katastrophe“ erklären hilft. Denn wer die europäische Mitte beherrschte, brauchte nur das Bündnis mit einer anderen Großmacht um mit ihr zusammen den Kontinent zu beherrschen. So der „Logik der Geographie“ ausgesetzt, also dem äußeren Druck der anderen Mächte, gab es den Zwang die Freiheit nach innen zu begrenzen. Auch Stürmer greift diesen alten Rankeanischen Topos auf. Er kontrastiert Bismarks „friedensstiftende Außenpolitik“ mit seiner „friedlosen Innenpolitik“ und kommt zu dem Schluss: „Beides ergab sich aus der Logik der europäischen Machtgeographie“. H. U. Wehler kritisiert in seinem „polemischen Essay“, dass sich keiner der so argumentierenden auf die Ursprünge dieser Wissenschaftsrichtung bezieht, obwohl doch Vokabular und Diktion teilweise sehr übereinstimmen und weiter, dass sich ebenso keiner von der geopolitischen Vorgeschichte distanziert, von der Zeit (vornehmlich bis 1945) als mit „Geopolitik“ und „Mittellage“ deutsche Großmachtambitionen und Expansionsstreben „wissenschaftlich“ untermauert wurden. Doch auch methodische Schwächen sieht Wehler. So ist z.B. Deutschlands Weg ein ganz anderer als der von Polen, Böhmen, der Schweiz, alles Staaten in einer sehr wandelbaren und nie festgelegten europäischen „Mitte“. Besonders im Hinblick auf den Aufstieg Preußens (immer mit Deutschland als von der Mittellage betroffen genannt) zeigt Wehler, dass ganz andere Motive als die „Geographie“ zum Aufstieg zur europäischen Großmacht führten. Autoren, die den geopolitischen Annahmen das Primat zuweisen, wirft er vor, dass sie die Vielschichtigkeit und Komplexität historischer Vorgänge unterschätzen. Natürlich ist auch Geographie eine Einflussgröße unter vielen anderen, jedoch darf ihr keine Vorrangstellung zukommen und vor allem dürfen die Einflüsse nicht nur „gedacht“, also bloß assoziativer Natur sein. Deswegen muss auch ihr Verfechter Hagen Schulze feststellen, dass keiner der von ihm gezeigten Zusammenhänge und Kontinuitätshypothesen in einer zwingenden und nachweisbaren Kausalität steht. Ian Kershaw (1988: 331): „Die Einwände gegen Stürmers Argumente führen, wie richtigerweise gesagt worden ist, rasch zu der Erkenntnis, ‘daß die geopolitische Interpretation bestenfalls eine fatal amputierte Erklärungskraft besitzt’“.
Etwas anders geht A. Hillgruber im ersten Aufsatz des Büchleins „Zweierlei Untergang“ an das Thema. Schlimm („Katastrophe“) ist für ihn nicht nur, dass die Alliierten wegen eines klischeehaften Preußenbildes Deutschland zerschlugen (oder in LTI-Manier von ihm ausgedrückt „Auslöschung des Deutschtums“), sondern dass darunter ganz Europa leiden müsse, mal ganz abgesehen, davon, dass für ihn die Katastrophe nicht von 1933 bis 1945, sondern nur 1945 bestand. Ein Verlust sei die „Vermittler-Rolle“ , die Preußen und das deutsche Reich gespielt hätten. Wehler (1988: 63) fragt berechtigt, ob Hillgruber damit z.B. die dreifache Teilung Polens meint, oder die Unterdrückung der Polen im 19. und 20. Jhd., die deutsche Kriegführung im Osten im ersten und zweiten Weltkrieg, die Exzesse der Einsatzgruppen und Polizeibataillone? Wie heute in noch viel größerem Ausmaß als Wehler es sich damals hätte ausmalen können wieder Geopolitik betrieben wird, zeigt Wippermann (1997: 41ff.) Allerdings handelt es sich dabei um jüngere Historiker, die, nach Wippermann, noch weniger Scheu besitzen als die Revisionisten zu Zeiten des Historikerstreits.
4 SchlussbemerkungenDie Betrachtung der Streitpunkte im Historikerstreit hat hoffentlich klar gezeigt, dass die „apologetischen Tendenzen“, die Jürgen Habermas in seinem Aufsatz kritisiert hatte als eben solche von der Fachwissenschaft schnell und mit guten Recht verworfen wurden. Es gibt eben keinen Grund für Historiker sich mit kämpfenden Truppen zu identifizieren, die eine Vernichtungsmaschinerie am Leben erhalten und es wurde gezeigt, dass der kausale Nexus zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus ein abenteuerliches Konstrukt ist, jedoch nichts mit wissenschaftlichen Methoden Bewiesenes, vielmehr spricht alles dagegen. Auch die Versuche dem Nationalsozialismus sein „Besonderes“ zu nehmen um ihn zu irgend einem Vebrechen unter anderen zu machen, fruchteten nicht, es gelang die Betonung seiner Einmaligkeit erneut sinnvoll zu begründen, ohne damit prinzipiell Vergleiche zu vereiteln.[19] Ebenso wurden die blassen und „blutarmen“ (Wehler) geopolitischen Kontinuitäts- und Schicksalskonstrukte als monokausale und wenig hilfreiche Erklärungsansätze zurückgewiesen. Im Streit wurden kaum neue Quellen eingeführt; zu einer sinnvollen Revision des Bildes der NS-Zeit aufgrund des vorhandenen Materials kam es nicht, weil nichts dafür sprach. Deswegen unterscheidet sich dieser Streit wesentlich von anderen Kontroversen, etwa dem Fischer-Streit um die Frage der Kriegsschuld und -zielpolitik im ersten Weltkrieg. Aber v.a. unterschied sich die Debatte auch von anderen Kontroversen um den Nationalsozialismus. Vorher und nachher stritten sich die Historiker z.B., ob Hitler Herr und Meister im „Dritten Reich“ oder doch eher ein schwacher Diktator gewesen sei, ob der Politik und NS-Ideologie ein Primat zugestanden werden könne oder ob nicht wirtschaftliche Interessen sich mit denen der Nazis so sehr deckten, dass diese und ihre „Träger“, die kapitalistischen Eliten, ebenso ursächlich für die NS-Verbrechen seien. Allenfalls Anklänge an den Streit, ob der Nationalsozialismus „Faschismus“, „Totalitarismus“ oder „singulär“ gewesen sei, kamen auf. Doch diese spielten nicht die entscheidende Rolle. Denn der Knackpunkt war nicht wie bei den anderen Kontroversen um die „großen Fragen“ widerprüchliche Interpretationen der Quellen oder verschieden methodische Ansätze, die sich eigentlich auch nicht ausschließen müssen, sondern oft durchaus zu einer Synthese geführt werden können.[20] Die Ursache für die Emotionalität und die große Bedeutung des Streits liegt in seinem politisch-moralischen Gehalt, seiner Bedeutung für bundesdeutsches Selbstverständnis (Maier 1997: ix). Letztendlich war es ein Streit zwischen zwei Gruppen von „Nationalisten“[21]. Auf der einen Seite standen die gewöhnlich als „neokonservativ“ titulierten Revisionisten, die wahrscheinlich aufgrund einer überkommenen Auffassung von Nation als Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft eben jene von Negativem reinigen wollen. Denn die Anerkennung der von Deutschen begangenen Verbrechen widerstreitet der narzisstischen Identifikation mit der deutschen Nation. Wer von dieser Identifikation keinen Abstand nimmt, gerät in das Dilemma etwas als eigen, gut und bewahrenswert zu imaginieren von dem auch anzuerkennen ist, das nicht (nur) Gutes in sich birgt. Besonders problematisch wird dies, wenn man anerkennen muss dass auch Auschwitz unter dem Namen dieses Objektes der positiven Identifikation steht. Nicht nur Leugnung, sondern, wie hier geschehen Aufrechnung und Relativierung kann aus diesem „Identitätsdilemma“ helfen. Bei der geringen Qualität der fachlichen Kontroverse kann es nur eine Motivation dieser oder ähnlicher Art sein, die die Revisionisten antrieb.[22] Auf der anderen Seite stehen im wesentlichen die „linksliberalen“ Verfassungspatrioten, deren Staats- und Gesellschaftsverständnis in wesentlichen Punkten auf den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus aufbaut. Sie haben aus diesen Erfahrungen aber nicht gelernt, die nationale Ideologie anzugreifen, sondern nur „extremen“ Nationalismus. Dieses (berechtigte, aber m.E. nicht ausreichende) Feindbild wurde von den chauvinistischen und reaktionären Äußerungen der Revisionisten wachgerufen. Sie zogen also ins Gefecht die Wurzeln ihres „Verfassungspatriotismus“ zu verteidigen. „Gegen die Versuche rechtsnationaler Geschichtsklitterung setzte Habermas konsequent die nationale Identität wegen Auschwitz“ (Vogt u.a. 1996). Noch besser lässt sich die zentrale Bedeutung der nationalen Identitätsdimension verstehen, wenn man sich - immer mit dem Historikerstreit im Hinterkopf - der Goldhagendebatte widmet. Goldhagen wurde nämlich recht wenig wegen der fachlichen Mängel seines Buches (Goldhagen 1996) kritisiert (Wippermann 1997: 7), als vielmehr deswegen, weil er „deutsche Täter ‘Deutsche’ nennt“ (Vogt u.a. 1996), wo auch die linksliberalen Kritiker aus der Zeit des Historikerstreits nicht mehr mitgehen können. Der Historikerstreit war also eine mit z.T. fachhistorischen Mitteln ausgetragene Debatte über das Selbstverständnis der Bundesrepublik als Staat/Nation, in welcher sich Grundkonfliktlinien eben jenes Verständnisses widerspiegelten. Und sicher nicht zufällig fand die Kontroverse in den Jahren der „geistig-moralischen Wende“ nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Kohl statt. Es ging in der Debatte um Fragen der politischen Kultur und um den Kampf um die „kulturelle Hegemonie“ (Wippermann 1997: 8). Vielleicht sollte der damalige Ausgang der Kontroverse heute immer wieder in Erinnerung gerufen werden, damit das Ergebnis nicht ganz verloren geht. Der Wirbel um Noltes neueste Ehrung (und das, wofür sie symptomatisch steht) ist jedenfalls bisher eher gering. 5 LiteraturAssheuer, Thomas (2000): Schicksal ohne Schuld. Ernst Nolte, Kurt Ziesel und die Neue Rechte, Die Zeit Nr. 25, 25. VI. 2000, S. 53 Benz, Wolfgang (1987): Die Abwehr der Vergangenheit. Ein Problem nur für Historiker und Moralisten?, in: Dan Diner (1987), S. 17-33 Bonwetsch, Bernd (1991): Die russische Revolution 1917. Eine Sozialgeschichte von der Bauernbefreiung 1861 bis zum Oktoberumsturz, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Bündnis gegen Rechts (1999): Keine Ehrung für Antisemiten [Flugblatt], http://wwwstud.rz.uni-leipzig.de/~soz96jtv/goerd.htm Conquest, Robert (1988): Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933. München: Langen Müller Curtois, Stephan (1998): Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror, München / Zürich: Piper Diner, Dan (1987) (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit, Frankfurt a.M.: Fischer Evans, Richard J. (1991): Im Schatten Hitlers? Historikerstreit und Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Fest, Joachim (1987): Die geschuldete Erinnerung, in: „Historikerstreit“, zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.VIII.1986 Friedländer, Saul (1987): Überlegungen zur Historisierung des Nationalsozialismus, in Dan Diner (1987), S.34-50 Getty, J. Arch, Gábor T.Rittersporn, Viktor N. Zemskov (1993): Victims of the Soviet Penal System in the Pre-war Years: A First Approach on the Basis of Archival Evidence, in: American Historical Review, S. 1017-1049 Goldhagen, Daniel Jonah (1996): Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin: Siedler Habermas, Jürgen (1987): Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: „Historikerstreit“, zuerst: Die Zeit, 11. VII. 1986 Herzinger, Richard (2000): Eine Radikalisierung. Angst vor dem „Liberismus“: Den Historiker Ernst Nolte hat seine eigenen Biografie eingeholt, Die Zeit Nr. 27, 29. VI. 2000, S. 42 Hillgruber, Andreas (1986) Zweierlei Untergang: Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin: Siedler „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München: Piper, 1987 Holz, Klaus (1999):Ist Walsers Rede antisemitisch?, in: Kultursoziologie. Aspekte, Analysen, Argumente 2/99, Halbjahreshefte der Gesellschaft für Kultursoziologie e.V. Leipzig, S. 189 -193 Jäckel, Eberhard (1987): Die Elende Praxis der Untersteller. Das Einmalige der nationalsozialistischen Verbrechen lässt sich nicht leugnen, in: „Historikerstreit“, S. 115-122, zuerst: Die Zeit, 12. IX. 1986 Kershaw, Ian (1988): Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Koch, H.W. 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VI. 1986) Nolte, Ernst (1987c): Der europäische Bürgerkrieg 1917 bis 1945: Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt a.M.: Ullstein Roth, Karl-Heinz (1999): Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie, Hamburg: KVV konkret Schulze, Hagen (1987): Die „Deutsche Katastrophe“ erklären. Von Nutzen und Nachteil historischer Erklärungsmodelle, in Dan Diner (1987), S. 89-101 Ullrich, Peter (1999): Nationalismus und Geschichtsrevisionismus - was steht in Walsers Rede?, http://wwwstud.rz.uni-leipzig.de/~soz96jtv/martin.htm Vogt, Stefan / Andreas Benel (1996): „No Germans, no Holocaust“. Zur Kritik von Daniel Jonah Goldhagen: Hitler’s Willing Executioners, in BAHAMAS 20/1996 Wehler, Hans-Ulrich (1988): Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum „Historikerstreit“, München: Beck Willms, Johannes (2000): Die Fahne hoch. Feier der Unbelehrbarkeit: Konrad-Adenauer-Preis für Ernst Nolte, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 117, 22. V. 2000, B-2, S. 15 Wippermann, Wolfgang (1997): Wessen Schuld? Vom Historikerstreit zur Goldhagenkontroverse, Berlin: Elephanten Press [1] Zu Walsers Rede und der Walser-Bubis-Kontroverse vgl. Ullrich (1999) und Holz (1999). [2] Doch es geht Stürmer um das Heute, deswegen braucht dieser Punkt nicht ausgebaut zu werden. [3] „Man braucht sich im Gedankenexperiment bloß einmal vorzustellen, was geschehen würde, wenn es der PLO gelänge mit Hilfe ihrer Verbündeten den Staat Israel zu vernichten. Dann würde die Geschichtsdarstellung (...) nur auf die negativen Züge Israels fixiert sein: der Sieg über den rassistischen, unterdrückenden, ja faschistischen Zionismus würde zum staatserhaltenden Geschichtsmythos werden.“ (Nolte 1987: 17) [4] Gerade bei Nolte ist es interessant die Radikalisierung seiner Ideen bzw. der Art, wie er ihnen Ausdruck verleiht, zu verfolgen. Noch 1980 (Nolte 1987: 15) war für ihn die Judenvernichtung nach Motivation und Ausführung ohne Beispiel. [5] Ähnlich argumentiert Koenen (2000: 271ff.), der jedoch in Bezug auf Stalinismus und Nationalsozialismus von „zweierlei Singularität“ spricht, insgesamt jedoch den Eindruck erweckt, den Nationalsozialismus „weniger schlimm“ zu finden. [6] In einer Lagebesprechung hatte Hitler gesagt, dass einige der bei Stalingrad gefangenen deutschen Offiziere wohl angesichts des Moskauer „Rattenkäfigs“ zu den Russen überlaufen würden. [7] Vorher noch eine Anmerkung zu Noltes Arbeitsweise. Sein Schreibstil und seine Ausdrucksweise können verwirren, sind oft düster und unklar. Methode Noltes ist es den gängigen moralischen Erwartungen an bestimmte Bewertungen pflichtschuldig seine Reverenz zu erweisen um dann letztendlich doch entgegenstehende Positionen zu vertreten. Außerdem erschwert seine geschichtsphilosophisch-ideengeschichtliche Herangehensweise, die nicht unbedingt mit Liebe zur Empirie verbunden ist, die Bewertung seiner Arbeit und die Überprüfung seiner Hypothesen. Evans kritisiert auch, dass Nolte ungern die aktuelle Literatur zitiert und verarbeitet. [8] Hierzu ist anzumerken, dass ja gerade die fast 2000 Jahre christlichen Antisemitismus’ eine ideologische Basis für das NS-Projekt und seine hohe Akzeptanz lieferten. [9] Zum Aspekt der Opferzahlen vgl. z.B. Merl (1995), Getty u.a. (1993) und als Gegenpol (mit extrem höheren Opferzahlen) Conquest (1988). [10] Darin sind nicht die beim Transport gestorbenen enthalten, ihr Anteil wird auf 3% geschätzt (Merl 1995: 282). 1995 (S. 301) gibt Merl etwa 2 Mio als Opfer von Erschießungen und Deportationen, in Lagern und Sondersiedlungen bis 1938 an, bis 1956 5 Mio. [11] Vgl. dazu Wippermann (1997: 10-33). [12] Zu den Stärken und Schwächen der Konzepte „Faschismus“, „Totalitarismus“ bzw. „Singularität“ siehe Kershaw (1988). Zum Totalitarismuskonzept außerdem Roth (1999). Gerade die Totalitarismustheorie kann nur bestimmte eher formale Aspekte der Herrrschaftsausübung bzw. -technik und der gesellschaftlichen Durchdringung erklären. Im Historikerstreit war diese aber (noch) nicht wieder „in“. [13] Die Autoren sind sich jedoch nicht einig, inwiefern das Lagersystem dem Industrialisierungskalkül folgte (vgl. Merl: 1995: 295ff.). [14] Conquest (1988: 13) erwähnt Machtstreben, den Drang alle eigenständigen Kräfte im Land zu unterdrücken, den Versuch durch Terror und Fehlinformation Lehrsätze der Partei zu untermauern, aber auch persönliches Vorwärtskommen, persönliche Rachefeldzüge, Bereicherung und v.a. den Glauben an ein „bis dahin ungeprüftes Dogma“. Merl (1995: 295ff.) unterscheidet die Punkte Arbeitskräftebedarf, Disziplinierung und Einschüchterung der restlichen Bevölkerung, Sündenbockfunktion und Eigendynamik des Terrors. [15] Im Fall der getöteten UkrainerInnen ist die Trennung am schwierigsten durchzuhalten (Conquest 1988, S. 10: „Der ukrainische Bauer litt also in doppelter Weise: als Landwirt und als Ukrainer“), jedoch gilt m.E. auch hier, dass es sich nicht um bewusst geplanten, selbstzweckhaften Völkermord als Ausdruck einer eben solchen Ideologie handelte. [16] Siehe auch Wehler (1988: 174-189) und Wippermann (1997: 34-58) [17] Michael Stürmer, zit. nach Wehler (1988: 176) [18] Hagen Schulze (1987) [19] Ähnliche Themen wurden später in der Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus (Curtois 1998), speziell um seine Einleitung, diskutiert. Auch Curtois ist es scheinbar nicht möglich die doch so dringend gebotene analytische Trennung zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus vorzunehmen. Die bloß moralische Gleichsetzung ist für die Wissenschaft keine Bereicherung, sondern wahrscheinlich wieder einmal ideologischen Zwecken geschuldet. [20] Siehe die großartige Zusammenfassung der Kontroversen in Kershaw (1988). [21] Diese Begrifflichkeit mag ideologiegeschichtlichem Gebrauch (besonders in Bezug auf die linksliberale Seite) nicht entsprechen, scheint mir aber angemessen, weil der Bezug auf Staat und Staatsverständnis für beide Seiten eine so zentrale Rolle spielte. [22] Ausführlicher dazu: Assheuer (2000) und Herzinger (2000) [23] Dieser leicht „verschwörerische“ Untertitel ist irreführend, da sich Nolte nicht, wie behauptet ausgeladen wurde, sondern selbst die Rede für die „Römerberggespräche“ ablehnte (vgl. Wehler 1988: 37f.)
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